
Der Österreichische Medienverband präsentiert stolz sein neuestes Mitglied: fhSPACEtv. Im Interview verrät Markus Wintersberger, Initiator und Leiter des Projekts, wie Studierende des Studiengangs Medientechnik an der FH St. Pölten mit experimentellen Bewegtbild-Produktionen die Kulturlandschaft Niederösterreichs beleben.
Medienjournal: In einem Statement zu fhSPACEtv heißt es, dass dieses versucht „kreativ-künstlerische Kräfte innerhalb der FH zu bündeln, die einzelnen spezifischen Zugänge und Anforderungen an das digitale Medium auszuloten und mittels eines StudentInnenpools zeitadäquate und alternative Informationskanäle und Präsentationsformen zu erarbeiten“. Wie sehen diese Prozesse in der Praxis aus?
Wintersberger: fhSPACEtv startete vor eineinhalb Jahren und war ein Versuch, an der FH St. Pölten, wo ein starker Technikschwerpunkt vorhanden ist, das kreative Potential der Studierenden zu fördern. Ich habe versucht, diese Kräfte zu motivieren und folglich zu fokussieren, ein Angebot im Sinne einer freien, alternativen Ausbildungs- und Entwicklungsmöglichkeit zu erstellen. Da entstand die Idee, einen experimentellen Bewegtbild-Format-Kanal zu generieren, bei dem der aktuelle Sendeinhalt und die Sendeflächen hinterfragt werden. Es geht darum, in einer motivierten und engagierten Gruppe von Studierenden Spuren zu hinterlassen. Dieser bewusste Abdruck kann mit weiteren Abdrücken zu einer nachvollziehbaren geschichtlichen Struktur zusammengefügt werden. Wir wollen bei fhSPACEtv improvisiert, lustvoll und spontan mit den Veränderungen, die rund um uns stattfinden und die wir oftmals nicht verstehen, umgehen. Das Medium soll als eigenständiges kreatives Etwas verwendet werden. Wir beziehen eine gewisse Stellung hinsichtlich der Zeit, in der wir leben.
Medienjournal: Wie viele Beiträge entstehen im Schnitt bei fhSPACEtv und wie gestalten sich diese?
Wintersberger: Wir arbeiten in einer Gruppe von 20 bis 25 Studierenden und einer Kerngruppe von sechs bis sieben Leuten. Man kann bei fhSPACEtv auch Praktika absolvieren. Es wird stets probiert in der Großgruppe Themen zu finden, themenspezifische Zugänge zu erarbeiten, Inhalte einzubringen, zu diskutieren und sich an die daraus entstandenen Schnittstellen heranzuwagen. Schnittstellen sind hauptsächlich kulturelle Ereignisse, aber auch Kooperationen im NGO-Bereich, beispielsweise mit GLOBAL 2000. Wir fokussieren uns auf relevante Momente in Kunst, Kultur und Gesellschaft, die heute von konventionellen Medien nicht mehr wahrgenommen werden. Das ist die Chance für kleinere, spontanere, schnellere Truppen, die direkt vor Ort etwas Spannendes berichten.
Auf dem Youtube-Channel sind jetzt ungefähr 80 bis 90 Videoeinträge. Um eine hohe Qualität zu gewährleisten, haben wir beschlossen, die Formate kurz zu halten. Jetzt produzieren wir 10 bis 15 Minuten-Sendebausteine, die in der Postproduktion sehr stark experimentell weiterbearbeitet werden. Dadurch werden sie zu einer künstlerischen Arbeit im Sinne der Bewegtbilddarstellung. Zusätzlich produzieren wir Sequenzen wie bei der Ars Electronica, wo wir letztes Jahr nahezu das ganze Festival medial abgebildet haben. Dort war unser Schwerpunkt Aktualität, Schnelligkeit und Spontanität.
Medienjournal: Wie sehen die Kriterien für die Beiträge aus?
Wintersberger: Eine Art von Kriterium ergibt sich durch den Inhalt der Beiträge. Wirklich definieren möchte ich Kriterien jedoch nicht, weil ich mich selber gerne von kreativen Zugängen überraschen lasse. Kriterium ist wohl eher die Offenheit, die ermöglicht, das Eigenpotential in vorhandenen Freiräumen zu aktivieren. Es ist gar nicht so leicht, diese Freiräume zu nützen, angesichts der Schemata und Regeln, die uns umgeben.

Medienjournal: Wie sieht eure Zielgruppe aus?
Wintersberger: Die Zielgruppe ist ein Publikum, das auch der Produzentengruppe entspricht. Es handelt sich vor allem um junge Personen und Studierende, Frauen und Männer gleichermaßen, um die 20 bis 25 Jahre. Hier soll ein pfiffiger Transfer entstehen. Es sind aber auch Leute, die sich prinzipiell für Kultur interessieren und sich damit auseinandersetzen. Sie wollen beispielsweise einen Blick auf die Ars Electronica oder die Klangturmeröffnung werfen, weil sie nicht dabei sein konnten. Dazu kommt natürlich das Zielpublikum von Kooperationspartnern wie dem Festspielhaus St. Pölten.
Wir stellen mit dem Namen fhSPACEtv auch einen bewussten Bezug zur FH her, als Art Trademark. Die FH ist ein lebendiger Ort, der neben seiner wirtschaftlichen oder schulischen Logik auch kreative Lösungen und gemeinsame Produktionen zulässt.
Medienjournal: Bei fhSPACEtv handelt es sich um einen interdisziplinären Zugang zu audiovisuellen Medien. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
Wintersberger: Wir haben an der FH ein Campus-Radio, wo wir terrestrisches Radio auf einer Wellenlänge von 94,4 im Bereich St. Pölten produzieren. Das Radio ist auch im Netz abrufbar. Dort arbeitet ein Team aus verschiedensten Studiengängen zusammen. Es gibt immer wieder Kooperationen mit der Medienwirtschaft oder der Sozialarbeit, die bei uns im Haus verankert sind. So entsteht ein interdisziplinärer Austausch zwischen Studierenden unterschiedlichster Felder. Es soll die Möglichkeit gegeben sein, sich über Inhalte, die man von verschiedenen Blickpunkten aus beleuchten kann, auszutauschen. Bei der Ars Electronica waren letztes Jahr drei oder vier Sozialarbeiter dabei. Dadurch, dass sie aus einer anderen Sphäre kommen, nehmen sie Dinge anders wahr – diese Durchmischung ist sehr spannend.
Medienjournal: fhSPACEtv ist bei nationalen wie internationalen Kunst- und Kulturfestivals präsent. Womit trumpft ihr in der kommenden Festivalsaison auf?
Wintersberger: Spannend ist sicher der September mit der Ars Electronica. Diese hat heuer das Thema „repair“. Das heißt, etwas herzurichten oder rückgängig zu machen. Es gilt zu schauen, was um uns passiert und ob es Möglichkeiten gibt, in der Rückschau etwas zu verändern. Die Location für dieses Festival wird heuer die ehemalige Tabakfabrik in Linz sein. Dort soll sich die gesamte Szene einfinden und etwas Gemeinsames produzieren. Das ist eine Herausforderung mit fhSPACEtv als Art Installation vor Ort zu sein.
Medienjournal: Anhand welcher Maßstäbe wird bei fhSPACEtv Erfolg gemessen?
Wintersberger: Das ist schwer zu sagen. Wenn es zum Beispiel gelingt, ein sehr poetisches Werk zu schaffen, bei dem der Spannungsbogen stimmt. Genauso ist ein künstlerisches Überraschungspotential für mich entscheidend. Technisch muss es natürlich eine gewisse Erwartung erfüllen. Hier muss man Abstriche machen, denn wir sind eine Ausbildungssituation und kein Profi-Medium. Es ist schön zu sehen, wenn eine Gruppe fortwährend wächst und die Berichte immer stärker und professioneller werden.
Medienjournal: Was könnten künftige Herausforderungen für fhSPACEtv sein?
Wintersberger: Sich formatmäßig noch mehr zu überlegen. Genauso gibt es die Idee, eine Ausstellung über unser Schaffen zu machen. Wir wollen unsere Arbeit nicht nur über die Medien präsentieren, sie soll wieder in den Raum greifen. Das ist eigentlich die Grundidee des Ganzen: Es geht uns darum, Bewegtbilder zu produzieren, die in unterschiedlichsten Formaten und Konstellationen auftauchen und in dieser Form ihren Sinn haben.
Medienjournal: Wie sieht die Zukunft der audiovisuellen Medien Ihrer Meinung nach aus?
Wintersberger: Ich glaube es geht immer stärker in Richtung extrem dynamischer Information. Das heißt, die Printgrafik wird sukzessive abgelöst von Bewegtbild-Touch Panels. Das ist ein Bereich, der sehr stark in unsere Gesamtrealität übergreifen wird. Die Verschmelzung von Fernsehen und Internet wird klarerweise immer weiter fortschreiten. Hier steht noch viel Arbeit bevor, vor allem auch von Seiten großer Sender und Medien. Das Archivsystem, das bei großen Medien schlummert, wäre auch sehr spannend für die Kreation unserer Generation. Hier stellt sich eine noch ungelöste Frage in Bezug auf Copyright und rechtliche Bedingungen. Ich plädiere für eine starke Öffnung auf diesem Gebiet, sonst verschwindet das Material der Archive und damit geht wichtiges geschichtliches Gut für Nachfolgegenerationen verloren. Ich denke, durch die Collage und die Assemblage dieser Dinge können neue Kunstformen entwickelt werden. Dadurch gibt man diesen Referenzen eine neue Bedeutung – eine wesentliche Herausforderung und Chance für die künstlerische Weiterverarbeitung. Die 3D-Entwicklung von Bildwelten ist auch spannend, aber hier steckt meiner Meinung nach eher ein wirtschaftlicher Faktor dahinter. Funktionieren wird diese Technologie vorwiegend im 3D-Kinobereich auf einer kommerziellen Schiene.
Ich denke zudem, dass gewisse Institutionen viel stärker ins Feld gehen sollten. Ausbildungsinstitutionen müssen diese Entwicklung mitmachen, denn die Zukunft der Kommunikation liegt in einem gegenseitigen Befruchten von Ideen.
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Fotos: fhSPACEtv
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