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Der neue Facebook “Like” Button sorgt für Furore. Betreiber von Websites strahlen ob der neuen Verbreitungsmöglichkeiten, Google macht sich ins Höschen und Datenschützer springen auf die Barrikaden. Dabei greifen die Diskussionen zu kurz. Ein Denkanstoß.
Kleiner Schritt für Facebook, großer Schritt für das Web?
Die Facebook Entwicklerkonferenz “F8″ durfte letzte Woche für das “OpenGraph-Protokoll” Geburtshelferin spielen. Das Protokoll dehnt bisher ausschließlich auf Facebook beschränkte Funktionen auf das restliche Web aus, der allseits beliebte “Like” Button dürfte sich bald auf jeder Seite finden.
Seitdem rumort es in den Blogs, denn die Implikationen dieses Schritts sind gewaltig. Nicht nur, dass Facebook mit von Usern empfohlenen Inhalten Suchmaschinen den Boden unter den Füßen weg gräbt (siehe: semantisches Web) – mittels der neuen Schnittstellen sammelt Facebook wesentlich mehr Informationen über seine User als bisher. Trotz Dementi seitens Facebook macht die Angst, der “Like” Button würde als Tracking-Tool jeden Schritt der User im Netz mitprotokollieren, die Runde; Kommentare wie: „Facebook will den splitternackten User!“ waren in den letzten Tagen keine Seltenheit.
Big news!
Und ja – vermutlich stimmt es! Denn, bitte festhalten: Facebook ist ein Unternehmen. Und noch dazu ein Unternehmen auf der Suche nach einem funktionierenden Geschäftsmodell, das bisherige ist nicht kostendeckend. Selbstverständlich will Facebook an Daten kommen, selbstverständlich will Facebook alle Möglichkeiten zum Lukrieren von Gewinnen nutzen!
Kein anderer Service greift einige der grundlegensten Bedürfnisse des Menschen (Kommunikation, Gemeinschaft, Narzissmus) derart elegant und benutzerfreundlich auf wie Facebook. Usern den Vorwurf zu machen, diese Leistungen auch tatsächlich in Anspruch nehmen zu wollen, ist zur kurz gedacht. Man könnte auch versuchen einer Tomate das Rot-Sein abzugewöhnen. Solange Facebook seinen Service in dieser Qualität und Reichweite anbietet, wird das Unternehmen Erfolg haben, Datenschutz hin oder her. Punkt.
Facebook = Windows
War das Internet schon immer eine Manifestation des realen Lebens, so wurde diese Funktion durch soziale Netzwerke auf eine neue Ebene gehoben. Auch wenn, so hart es klingt, die eine oder andere Generation dafür noch aussterben muss: soziale Netzwerke werden in Zukunft das Öl im Getriebe der Welt sein, ohne Profil wird man nicht weit kommen. Kurz und zitierfähig: Soziale Netzwerke werden zum Betriebssystem der Gesellschaft.
Und hier liegt der springende Punkt. Schon die OpenSource Bewegung verfolgt das Ziel, elementare Instrumente der Kommunikation aus den Klammern privater Konzerne zu “befreien”. Bei sozialen Netzwerken muss die Frage mit gleicher Deutlichkeit gestellt werden: Sind wir bereit, ein schon heute nicht mehr wegzudenkendes System in den Händen undurchsichtiger Unternehmen zu belassen? Egal, ob Facebook, Google oder Microsoft – sind private Konzerne bei sozialen Netzwerken tatsächlich die passende Antwort?
Notwendige Denkanstöße oder anstößige Utopien?
Was es braucht wäre ein vollkommen offenes, transparentes und mit Fokus auf maximalen Datenschutz designtes SocialNetworking-Protokoll. Der Ausdruck “Protokoll” wurde an dieser Stelle bewusst gewählt, die Sache müsste dezentral und ohne Bindung an einen bestimmten Anbieter bzw. eine Server-Infrastruktur funktionieren können. Zusätzlich müsste den Benutzern im Gegensatz zu Facebook greifbare Vorteile geboten werden, Datenschutz alleine zieht nicht. Sollte das Protokoll allerdings von staatlicher Seite für die Abwicklung bürokratischer Prozesse akzeptiert werden, könnte dies der nötige Knackpunkt sein.
Möglicherweise mit mehr Chancen auf Realisierung: ein nicht-gewinnorientiertes, basisdemokratisch organisiertes Unternehmen (bzw. ein Verein oder eine andere Rechtsform) mit absolut offenen Strukturen und Zielen. Die Entwicklung der Software hinter dem sozialen Netzwerk müsste unter den Augen der Öffentlichkeit geschehen, die User müssten direkt eingebunden sein und bei jeder gravierenden Änderung konsultiert werden. Von Problemen der Finanzierung abgesehen gilt auch hier: Datenschutz alleine zieht nicht. Gerade die Möglichkeit der direkten Mitgestaltung des Netzwerks könnte sich allerdings als reizvoll erweisen.
Sollte es tatsächlich jemand schaffen, einen der beiden Vorschläge benutzerfreundlich und mit einer ähnlich niedrigen Hemmschwelle wie Facebook zu programmieren, propagieren und populieren – die Person wäre mein persönlicher Held, ein immerwährender Platz auf meiner Friendslist ihr sicher! Bis dahin verbreite ich allerdings beide Utopien weiter munter über Facebook, Twitter und was sonst an sozialen Netzwerken noch alles keucht, fleucht und Daten sammelt.
Update: Vielen Dank an @olobo und @luca für die Hinweise auf folgende Projekte bzw. Seiten:
Links
- http://www.helge.at/2010/04/wie-facebook-das-web-uebernehmen-will
- http://blog.datenschmutz.net/2010-04/und-schon-ist-man-nicht-mehr-herr-seiner-daten/
- http://openlike.org/
- Facebook’s Gone Rogue
Foto: thumbs up von richkidsunite, Lizenz: BY 2.0
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