
Das Medienhaus Wien arbeitet derzeit am Forschungsprojekt MediaAcT (Media Accountability and Transparency in Europe) mit. Ein von der EU gefördertes und vom Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus koordiniertes internationales Projekt, das die Formen der Medienselbstregulierung in elf europäischen und zwei arabischen Ländern untersucht und vergleicht. Das Medienjournal sprach dazu mit Daniela Kraus und Klaus Bichler.
Medienjournal: Könnten Sie vielleicht beschreiben worum es da genauer geht?
Bichler: Das Projekt hat zum Ziel, dass es die verschiedenen etablierten und auch innovativen Formen von Medienselbstregulierung in europäischen Ländern vergleicht. Wir wollen untersuchen, wo Medienselbstkontrolle funktioniert und erheben, welche Faktoren dafür maßgebend sind. Daraus sollen Handlungsempfehlungen für Journalisten, Medienmanager, Politiker und Mediennutzer abgeleitet werden, damit sie sich in diesen Prozess besser einbringen können.
Medienjournal: Welche Selbstkontrollmechanismen gibt es in anderen Ländern?
Bichler: Das beginnt bei Presseräten, die in einigen Ländern staatlich reguliert sind, in anderen auch auf Freiwilligkeit beruhen. In den osteuropäischen Ländern geht die Medienselbstkontrolle eher von Journalistenorganisationen als vom Staat aus. Auch in der Zuständigkeit unterscheiden sich die Presseräte: Jener in Finnland ist z. B. für alle Medien, nicht nur für Printmedien, zuständig. In Deutschland und England wiederum spielt sich sehr viel in der Blogosphäre ab.
Kraus: Eine wichtige Frage ist außerdem, was Medienunternehmen selbst machen. Was passiert intern unter dem Schlagwort Corporate Social Responsibility? Das ist in vielen Branchen stärker verankert als in der Medienbranche – obwohl gerade dort ein öffentliches Gut hergestellt wird. Wie wird mit Fehlern umgegangen? Gibt es Ombudsmänner oder Korrekturspalten?
Medienjournal: Was können Privatinitiativen bewirken?
Kraus: Mehr Diskurs. Sprüche und Verurteilungen vom Presserat bringen sicher auch etwas. Wichtig ist aber, dass man branchenintern auf einer breiteren Basis darüber diskutiert, was Medien dürfen und wo es Grenzen gibt.
Medienjournal: Funktioniert das in anderen Ländern? Ist es großen Medienunternehmen nicht egal, wenn eine Privatinitiative dort anruft und sagt: „So geht’s nicht!“?
Kraus: Nicht, wenn öffentlich diskutiert wird. Natürlich ist die Frage der Nachhaltigkeit schwierig. Ein Beispiel für wirksame “neue” Formen der Medienkontrolle finden Sie bei Twitter. Im britischen Wahlkampf attackierten vier verschiedene konservative Zeitungen am gleichen Tag auf ihren Titelseiten den liberalen Politiker Nick Clegg. Twitter-User thematisierten die Kampagne auf humorvolle Art unter dem Schlagwort #nickcleggsfault – man könne Nick Clegg dann gleich für alles verantwortlich machen. Der Hashtag hat sich rasant verbreitet. Eine angeschlagene Zehe, der Straßenlärm, kurz: alle Probleme der Welt seien Nick Cleggs Schuld. Die Mainstream-Medien konnten die Dynamik nicht ignorieren und mussten die Kampagne thematisieren.
Medienjournal: Gibt es in Österreich auch Watchblogs?
Bichler: Ja, es gibt eine relativ lebendige Szene, die teilweise bei den Usern eine beachtenswerte Resonanz hat und sich auf betroffene Medien auswirkt. Dazu zählen z.B. Kobuk, Medienschelte, Krone-Blog, nömix. Bei ZiB21 gibt es oft Beiträge zu journalistischen Arbeitsweisen und auf Twitter passiert auch einiges. Oft posten auch Journalisten selbst auf Kritik in diesen Blogs.
Medienjournal: Wird kommerziellen Medien damit die Möglichkeit geboten, einen Teil ihrer Verantwortung abzugeben? Herausgeber könnten sich sagen, dass Verstöße gegen ethische Kodizes ohnehin selten entdeckt werden. Wenn doch, müssen sie das halt ausbessern.
Kraus: Nein, das denke ich nicht. Zumindest ein Teil der Medien wird draufkommen, dass Transparenz auch ein ökonomischer und qualitativer Aspekt ist. Ich glaube, Selbstkontrolle wird daher wichtiger werden.
Medienjournal: Ist die Gruppe kritischer User und Blogger nicht relativ klein?
Kraus: Sie wächst!
Bichler: Auf Bildblog, ein Watchblog, das die Arbeit der Bild-Zeitung beobachtet und kommentiert, greifen pro Tag ca. 50.000 User zu. Das ist für Deutschland natürlich nicht so viel, aber es zeigt Auswirkungen, weil die Kommentare auf anderen Internetseiten verlinkt werden. Immer mehr kommen dadurch drauf, dass im Journalismus vieles schief läuft.
Kraus: Erst wenn wir wissen, warum etwas nicht funktioniert, können wir Empfehlungen abgeben. Auf politischer Ebene wäre das z.B., die Medienkompetenz der Bevölkerung zu fördern, damit sie kritikfähig ist. Watchblogs alleine fehlt die Kontinuität in der Ausübung von Kritik.
Medienjournal: Es gibt doch den Presserat. Reicht es nicht, wenn sich User an ihn wenden?
Kraus: Wen interessiert, was vor zwei Monaten passiert ist? Bis eine Beschwerde beim Presserat eingelangt ist und bis ein Spruch veröffentlicht wird, vergeht zu viel Zeit. Der Presserat ist wichtig, hat aber einen grundlegenden Fehler – nämlich die Fokussierung auf die “Presse”. Im Zeitalter der Konvergenz bräuchte es Ergänzungen im Online-Bereich.
Medienjournal: Sehen Sie auch Gefahren oder Risiken für Medienblogs? Gibt es Anzeichen dafür, dass kommerzielle Medien beispielsweise gegen Watchblogs vorgehen?
Bichler: Ja, der Axel Springer Verlag ist vor kurzem gegen Bildblog erstmals juristisch vorgegangen, weil dieser eine falsche Anschuldigung publiziert hatte. Bildblog hat die falsche Anschuldigung zurückgenommen und sich für den Irrtum entschuldigt. Trotzdem bekamen die Autoren Abmahnungen zugestellt und sollten mehr als 2000 Euro Anwaltskosten rückerstatten. Für den Axel Springer Verlag ist dieser Betrag nicht erwähnenswert, für Bildblog schon. Verlage könnten in Zukunft auf diese Art vielleicht Weblogbetreiber einschüchtern.
Kraus: So etwas ließe sich regeln, indem man sich z.B. darauf einigt, vor einer Klage erst eine Verwarnung auszusprechen. Wir wollen auf jeden Fall Blogger befragen, mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben. Das werden wir dann mit einem Anwalt diskutieren und anschließend in unsere Empfehlungen einfließen lassen.
Medienjournal: Es kann also passieren, dass Blogs bei einer Klage eingestellt werden müssen, weil sie die Anwaltskosten nicht zahlen können, obwohl nicht klar ist, ob die Anschuldigungen gerechtfertigt sind?
Kraus: Ja. Gerade für die neuen Formen der Medienkontrolle ist der medienrechtliche Aspekt besonders relevant.
Medienjournal: Was für Auswirkungen erwarten Sie sich von einer optimalen Medienselbstregulierung?
Kraus: Am wichtigsten wäre, vor allem aus einer österreichischen Perspektive, dass es einen breiteren Diskurs zur Frage „Wozu brauchen wir Medien, was sollen und was dürfen sie tun?“ gibt. Unser Projekt will untersuchen, wie Medien ihre Verantwortung wahrnehmen, und welche Rahmenbedingungen diesen Prozess unterstützen. Dazu werden auf 3 Ebenen Empfehlungen abgeleitet. Auf politischer Ebene z. B. zur Frage, wie Mediendiskurse gefördert werden können. Für Medienunternehmen werden Argumente geliefert, warum Verantwortung und Selbstkontrolle einen Nutzen haben. Hier beschäftigen wir uns zurzeit mit Stakeholderansätzen und den Erwartungen der unterschiedlichen Interessensgruppen. Auf der dritten Ebene werden Materialien für Journalisten erarbeitet, die helfen – vielleicht auch trotz knapper Ressourcen – ethische Richtlinien zu erfüllen.
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