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Das Fernsehen ist tot, verkündeten etwa Bill Gates und Spiegel Online. Solche alljährlichen Abgesänge sind in der Diskussion um mediale Innovationen nichts Neues. „Video killed the Radio Star“, lautete der Titel eines 1979 veröffentlichten Songs, den man auch heute noch im Radio hören kann. Dennoch gehört das Fernsehen, wie wir es heute kennen, bald der Vergangenheit an.

Auf der TVienna 2010 diskutierten namhafte Medienexperten im Haus der Telekom Austria unter dem Motto „Was gibt es Neues?“ über Entwicklungstrends und Zukunftsperspektiven in der Fernsehwelt. Das vierte Wiener Symposion zu Fernsehen & Medienwandel, initiiert von Julia Wippersberg vom Publizistikinstitut der Universität Wien, lud Interessierte ein, sich selbst ein Bild zu machen. Den Abschluss des diesjährigen Symposions, das sich in den vergangenen Jahren der Mobilisierung (2007), der Digitalisierung (2008) und der Breitbandisierung (2009) widmete, bildete eine Podiumsdiskussion mit Programm-Machern von Puls 4, ORF, Okto.tv und ATV.

Social Currency – eine potentielle Ressource?

Der österreichische Medienmanager Rudolf Klausnitzer (DMC) definiert die Rolle des Leitmediums in seinem Vortrag neu. Früher fungierte die Television als „sozialer Integrator“, dieser gesellschaftliche Faktor des Fernsehens wird jedoch zunehmend geschwächt. Stattdessen bietet das Fernsehen von Heute dem Rezipienten Social Currency als potentielle Ressource an, die im Dialog innerhalb bestimmter sozialer Netzwerke und Communities einen Mehrwert besitzt. Dennoch ist das klassische Fernsehen laut Klausnitzer „ein geschlossenes System“, wodurch ein entscheidender Nachteil gegenüber der digital vernetzten Gesellschaft entsteht.  Aus der Möglichkeit, Inhalte über das Web 2.0 auszutauschen, entwickelten sich Social Networks und in weiterer Folge Social Media. Das klassische Fernsehen, so der Medienberater, habe verabsäumt, auf diese Veränderungen adäquat zu reagieren.

Transmedia Storytelling als Ausweg aus der Fernsehkrise

Was wir machen müssen ist Transmedia Storytelling. Wir müssen den Kanälen bestimmte Rollen innerhalb einer Geschichte zuordnen und wir müssen die Stärken der einzelnen Kanäle nutzen, indem wir eine gesamte Welt bilden“, lautet die Zukunftsvision des Medienexperten. Alle Kanäle, das Internet, das Fernsehen und die Telekommunikation müssen zusammenarbeiten. Das Web 2.0 mit allen Derivaten ist nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung des Fernseh-Erlebnisses zu betrachten. Die Zukunft des Fernsehens ist die Konvergenz, das Zusammenwachsen und die gemeinschaftliche, vernetzte Nutzung unterschiedlicher Kanäle. Die US-Serie Heroes hat dieses Prinzip zur Erschaffung einer transmedialen Welt erfolgreich umgesetzt.

Innovative Geräte oder 3D-Sets?

Anlässlich des Symposions stellte der Gerätehersteller Samsung das erste in Österreich erhältliche 3D-Fernsehgerät zur Schau. Manfred Moorman von der Telekom Austria sieht darin, solange Brillen notwendig sind, noch keinen Durchbruch, allerdings könnten 3D-Filme schon bald als typisches „on demand“-Produkt ihren Status am Fernsehmarkt behaupten.  Die Gäste des Symposions waren geteilter Meinung. Durchaus positive Resonanz erhielt das selbstlernende Personalisierungstool Watchmi von Aprico, das erst kürzlich bei der CeBit 2010 mit dem Innovationspreis ausgezeichnet wurde. Die Softwarekomponente, die auch am Mobiltelefon installiert werden kann, wirkt als Katalysator der Fernsehkanalflut. Der User erstellt eigenständig mehrere personalisierte Kanäle, beispielsweise einen Koch- oder Familienkanal. Das Gerät konfiguriert im Anschluss anhand von 50 Metadaten ein eigenes Benutzerprofil, wählt aus dem gesamten Medienangebot die passenden Sendungen und listet sie auf. Insbesondere für Werbeproduzenten aber auch für Werberezipienten dürfte das personalisierte TV interessant sein.

Brisante Podiumsdiskussion

Den Ausklang des Symposions bildete eine Podiumsdiskussion zwischen Sandra Winkler (ORF), Christian Jungwirth (Okto), Oliver Svec (Puls 4) und Martin Gastinger (ATV). Die Pogramm-Macher sprachen über die Möglichkeiten und Grenzen neuer TV-Formate. Jungwirth sieht in den „Konvergenzen die Zukunft des Fernsehens“, laut Gastinger „muss sich das Fernsehen regelmäßig neu erfinden“ um konkurrenzfähig zu bleiben, Winkler plädiert für „mehr Mut bei der Gestaltung des TV-Programms“ und Svec betrachtet die „neuartige Zusammenstellung von alten Inhalten“ als Zukunftsperspektive, da innerhalb eines Massenmediums „keine großen Revolutionen mehr möglich sind“. Etwas hitziger wird die Debatte, als über das Reality-Show-lastige Programm von ATV gesprochen wird. Doch für mehr reicht das Budget nicht und Reality-Shows sind in der Produktion unvergleichlich billiger als eigene fiktionale TV-Serien, so  der Programmleiter von ATV. Als die Diskussion auf ethische Grundsätze und den Bildungsauftrag des Fernsehens schwenkt, gibt Gastinger Einblicke in skurrile Formate anderer Ländern. In England sei bereits eine  Show, in der Behinderte gegen Fotomodells antreten, angelaufen. Gastinger spricht außerdem über das Format einer Sendung mit dem Titel Killing my best friend. Die groteske Reality-Soap zeigt Tierhalter auf dem Weg zum Tierarzt, wo die Tiere im Beisein der Kameras eingeschläfert werden. Diese neuen Formate seinen unaufhaltsam und würden bald auch den heimischen Fernsehmarkt erobern, meint Gastinger. Jungwirth von Okto.tv sieht darin eine andauernde „Nivellierung nach unten“, der Konsument müsse vor solchen Formaten geschützt werden. Ein Quäntchen Menschlichkeit muss auch im Fernsehen der Zukunft eine Rolle spielen.

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