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Eine junge Iranerin wird von einer Kugel getroffen und sackt zu Boden. Drei Männer eilen ihr zu Hilfe. Blut strömt ihr aus Mund und Nase. Wenige Augenblicke später ist die 27-jährige Neda Agha-Soltan tot. Ein 40-sekündiges Video, das vermutlich mit einer Handykamera aufgenommen wurde und seit 21. Juni 2009 im Internet kursiert, zeigt das Sterben der jungen Frau, die in der Folge zur Ikone der oppositionellen Protestbewegungen im Iran wurde.

In kürzester Zeit wird das Video vervielfältigt und Millionen Internetusern zugänglich gemacht. Mit Hilfe von Facebook, Youtube und Twitter werden die Mechanismen der staatlich inszenierten Kriegsberichterstattung ausgehebelt, die Zensur wird unterlaufen, die Inhalte sind unkontrollierbar geworden.

Authentischer Echtzeit-Journalismus oder ideologisierte Propaganda?

Was zunächst als Errungenschaft moderner Kommunikationstechnologien erscheint, entpuppt sich bald als die größte Propagandamaschinerie, die bis dato existiert hat. Wer verifiziert die Informationen, die meist ohne Quellenangabe und Nennung des Urhebers im Internet auftauchen? Wer bürgt für die Echtheit der Berichte, die unsere Meinung vehement beeinflussen? Wer garantiert dafür, dass sich unsere Ansicht zu aktuellen Ereignissen nicht auf Luftblasen gründet? Sind wir den täglich auf uns einströmenden (Falsch-)Meldungen hilflos ausgeliefert? Keineswegs. Mit den modernen Kommunikationsmöglichkeiten hat sich auch die Rezeption der Inhalte verändert. Wir sind sensibilisiert darauf, den Wahrheitsgehalt von Informationen kritisch zu betrachten.

Nidal Bubul, ein 24-jähriger Student aus dem Gaza-Streifen, berichtet über Facebook und Twitter von seinen Erlebnissen im Krieg. Vier Verwandte Nidals sind seit der israelischen Militäroffensive ums Leben gekommen, er selbst hat sein rechtes Bein verloren. Über Social Media Plattformen verschafft Nidal seinem Leid Öffentlichkeit. Facebook dient als Sprachrohr, hilft den Betroffenen dabei, ihre Erlebnisse zu artikulieren und zu verarbeiten. Was zunächst als Prototyp einer authentischen Kriegsberichterstattung erscheint und weit über den „embedded Journalist“ hinausreicht, kann in Bezug auf Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit nicht verifiziert werden. Es ist unmöglich, die zur Verfügung gestellten Informationen zu überprüfen. Dennoch sind Social Media Plattformen in Bezug auf Echtzeit-Journalismus unübertroffen und selbst renommierte Medien ziehen derartige Berichte als Quellen heran. Mit der Entwicklung moderner Kommunikationsprozesse könnte sich auch das Aufgabenspektrum und Rollenbild des Journalisten verändern. Nicht mehr nur das Kreieren von Inhalten, sondern das Filtern, Verifizieren und Interpretieren vorhandener Inhalte könnte stärker in den Vordergrund treten.

Anonymität führt zur Radikalisierung von Inhalten

Die Möglichkeit, Informationen anonym online zu stellen, führt nicht nur zur rasanten Verbreitung von Inhalten, sondern auch zur Radikalisierung derselben. Via Youtube wird für das Abschlachten von arabischen Terroristen geworben, auf Facebook finden sich Hakenkreuz-Embleme. Anstatt Urlaubs- und Partyfotos werden in den Profilen brutale Kriegsbilder zur Schau gestellt, die binnen Minuten Millionen Nutzer erreichen und die Massen mobilisieren, Hass schüren, Wut evozieren. Die Plattformen, die normalerweise gewaltsame Inhalte umgehend löschen, haben längst die Kontrolle verloren. Videos, die einmal hochgeladen worden sind, sind bereits auf unzähligen, privaten Datenträgern gespeichert und können jederzeit wieder vervielfältigt werden. Ob die bereitgestellten Informationen der Wahrheit entsprechen oder Fälschungen sind, ist nicht mehr festzustellen, lediglich die Wirkung der größten Propagandamaschinerie, die es je gegeben hat, ist unbestritten und mächtiger als jedes staatliche Informationssystem.

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2 Kommentare »

  1. Anzumerken wäre, dass auf Grund der Anonymität Twitter & Co. auch zu demokratiepolitischen Medien werden. Man denke nur an die Ausschreitungen im Iran – ohne Twitter wäre eine Kommunikation nach außen kaum möglich (gewesen) und so konnte die westliche Welt von dem Vorgehen der Polizei und den Vorgängen erfahren. Anonymität im Internet bringt zwar Chancen, birgt aber leider auch Gefahren.

    Kommentar by Laura Sabetzer — Juli 14, 2010 @ 10:40 am

  2. “We are told about the world before we see it.” Waren die Worte von Walter Lippmann, (Medienkritiker, 1889-1974) welcher der Meinung war, dass ein verbesserter Zugang zu Informationen (durch neue Kommunikationschancen, gegenwärtig beste Beispiele: youtube, facebook, twitter…) nicht im Ideal eine gesunde Demokratie wäre. Er war der Überzeugung, dass es nur Experten vorbehalten sein sollte die Öffentlichkeit verantwortungsvoll zu lenken und zu „beeinflussen“. Ich hab seine These sofort innerlich abgelehnt, da er das Volk damit entmündigt und ihm die Fähigkeit der politischen Meinungsbildung abspricht. Doch anhand dieses Beispiels wird klar, dass es schwer ist gewissen Kontent ohne verifiziertes Hintergrundwissen kritisch zu beurteilen. Der emanzipierte Volks-Journalismus hat größtes Potenzial für eine neue Form von Demokratie, birgt jedoch auch ein autoritäres Potenzial für propagandistische Zwecke zur Radikalisierung und Mobilisierung der Masse. Für mich ist die Idealform des anonymen Journalismus bei brisanten Themen, die der Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden dürfen, immer noch über unabhängige Organisationen wie WikiLeaks, die Informationen erst überprüft und dann publiziert. Solche Ereignisse dürfen nicht zensiert werden, jedoch soll auch die Vorraussetzung mitgegeben werden, solche Inhalte kritisch-souverän zu rezipieren.

    Kommentar by Matthias G. — Juli 17, 2010 @ 12:39 am

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