Dreihundert freie europäische Radios zeigen derzeit eine einzigartige und dynamische Zusammenarbeit in Sachen Umweltschutz: Im Rahmen eines von der EU geförderten Projektes mit dem Titel “Dynamo Effect”. Das Freie Wiener Radio Orange 94,0 ist maßgeblich daran beteiligt. Zu diesem Schwerpunktthema haben wir uns mit dem österreichischen Projektkoordinator und Kenner der Freien Medienszene, Gerhard Kettler, zu einem Gespräch getroffen.
Medienjournal: Was genau können wir uns unter Radio Orange, einem Freien Radio, vorstellen?
Kettler: Radio Orange ist ein freies Medium – mit freiem Zugang für alle! Jeder kann mitmachen, wenn sie/er mit unseren grundlegenden Richtlinien – keine rassistischen, sexistischen, faschistischen und Menschen verletzenden Inhalte – einverstanden ist. Das erklärte Ziel von Radio Orange, aber auch der anderen Freien Radios ist es, unterrepräsentierten Gruppen und Personen eine Plattform und Öffentlichkeit zu geben. Das betrifft derzeit bei unserem “Dynamo Effect”-Projekt die Umweltfrage. Wir wollen die Möglichkeit geben, Themen grundlegend darzustellen und aufzuarbeiten. Ein Beispiel: Als es vor einigen Jahren in der Lobau das Widerstandscamp gegen den Ausbau der Autobahn gab, war klar, dass wir dieses Thema aufgreifen, um es medial präsent zu machen. Neben der regelmäßigen Berichterstattung wollten wir unser Höhrer motivieren, aktiv mitzumachen. Das ist quasi Sinn und Zweck dieses Radios – ein Medium für und von den unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Bewegungen.
Medienjournal: Kommen wir nun zu Ihrem neuen Projekt, dem “Dynamo Effect“. Um was handelt es sich da genau?
Kettler: “Dynamo Effect” ist ein Projekt der EU. Wir sind ständig auf der Suche nach inhaltlich interessanten Calls. Es gibt mehrere Freie Radios, die sich an diesem Projekt beteiligen und gemeinsam daran arbeiten. Es soll von ökologischen Themen, wie zum Beispiel Klimawandel, oder nachhaltigen Energieeinsatz im Hinblick auf die zu Ende gehenden fossilen Energieträger handeln. Diese Thematik wollen wir so umfassend wie möglich darstellen. Es geht uns einerseits darum zu zeigen, was kann ich persönlich für den Umweltschutz tun, andererseits gilt es, bestehende positive Beispiele aufzuzeigen.
Medienjournal: Können Sie uns ein konkretes Beispiel in Bezug auf dieses Projekt nennen?
Kettler: Vor zwei Wochen lief eine Sendung über die burgenländische Gemeinde Güssing. Diese erklärte in den 1990er Jahren, sich von fossilen Energieträgern autark zu machen und sich mit Energie selbst zu versorgen. Nicht alles lief dort ideal ab, es gab auch viel Kritik. Wir wollten auch darstellen, dass solche Projekte nicht eins zu eins an einem anderen Ort durchführbar sind. Wir haben gezeigt, was versucht wird, wo die Grenzen, zum Beispiel durch ökonomische Barrieren, liegen. Vielleicht konnten wir auch dazu beitragen, Experimente dieser Art zu forcieren.
Medienjournal: Welche umweltpolitischen Themen werden bei “Dynamo Effect“ vor allem aufgegriffen? Und welche sind Ihnen persönlich wichtig?
Kettler: Wir wollen die verschiedenen Dimensionen des Umweltschutzes aufzeigen. Wir geben einen Überblick und erklären Grundbegriffe, zum Beispiel im Bereich Verkehr oder Wohnen. Wir wollen Fragen beantworten: Was jeder bei sich in den vier Wänden verändern kann, zum Beispiel beim Stromverbrauch von Haushaltgeräten, oder beim Heizen. Wir informieren über den Personenverkehr, weil dieser einfach viele Menschen betrifft. Wir sprechen aber auch den Güterverkehr an, der aus ökologischer und ökonomischer Sicht ja sehr bedeutend ist. Ein weiteres Thema ist die Energieproduktion. Wasserkraft ist zum Beispiel ein großes Thema, welches wir natürlich auch kritisch beleuchten. Gerade in Österreich wird dieser Sektor gerne als ökologisches Energieallheilmittel angepriesen, was aber nicht der Realität entspricht, bedenkt man nur die massiven Eingriffe in die Natur beim Bauen solcher Kraftwerke. Natürlich gibt es in diesem Bereich aber auch sehr tolle und positive Projekte, die nicht auf die Flussläufe Einfluss nehmen oder die Fischbestände gefährden und genau die wollen wir zeigen und thematisieren – zum Beispiel diese Woche in der Wasserkraftsendung.
Medienjournal: Wie ist Ihre Sendereihe bis jetzt von der Hörerschaft aufgenommen worden? Gab es viele Reaktionen, auch von kommerziellen Medien?
Kettler: Vor allem über die Clicks auf unsere Homepage, dynamo.o94.at, haben wir das starke Interesse gemerkt. Gerade als wir mit der Sendereihe starteten gab sehr viele Zugriffe. Die Sendungen können ja auch runtergeladen oder als Podcast bezogen werden. Dieses Service haben bis jetzt eine Menge Menschen in Anspruch genommen. Das Projekt wurde meiner Einschätzung nach sehr gut aufgenommen. Die ersten Sendungen waren zum Beispiel auch im Standard als Radiotipp angeführt.
Medienjournal: Die Sendereihe “Dynamo Effect“ wird ja in ganz Österreich und in Teilen Europas ausgestrahlt – können Sie den Lesern sagen, wo sie die Sendungen hören oder herunterladen können?
Kettler: Das reicht von Radio Helsinki in Graz, über die vielen Freien Radios in Oberösterreich, bis zum Freien Radio in Dornbirn, Vorarlberg. Auf europäischer Ebene sind als Initiator Radio Popolare Milano zu nennen, aber auch in Deutschland Radio Dreyeckland aus Freiburg, welches aus der Antiatombewegung hervorgegangen ist. Ansonsten sind noch freie Radios in Irland, Ungarn, Frankreich und Spanien beteiligt. Diese Sender produzieren die Reihe in den jeweiligen Sprachen. Ausgestrahlt wird Dynamo Effect dann aber auf 300 Freien Radios quer durch Europa.
Medienjournal: Wird es auch nach “Dynamo Effect“ noch Sendungen bei Radio Orange geben die sich explizit mit dem Thema Umweltschutz auseinandersetzen?
Kettler: Für Radio Orange ist dieses Thema ein ganz wichtiges, es fließt ja auch immer wieder ins aktuelle Programm ein – vom Klimagipfel bis zum Augartenspitz. Wir waren immer an Umweltschutz interessiert und werden es auch sicherlich bleiben. Wir hatten immer wieder derlei Themen im Programm und haben die Sendungsmacher unterstützt und versucht, Öffentlichkeit zu schaffen. Langfristig wollen wir Redakteure an Bord holen, die sich mit Umweltschutz beschäftigen. Für “Dynamo Effect” haben wir eine Lehrredaktion gestartet und auch sehr breit dafür geworben, um möglichst viele Menschen zum Mitmachen zu bewegen. Das ist gut angekommen. Derzeit bilden 20 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die “Dynamo Effect”-Redaktion.
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