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8. September, 2010 | laura.sabetzer


Journalismus im Internetzeitalter stellt sich nicht nur neuen Herausforderungen, sondern bietet auch neue Möglichkeiten. Durch das Internet hat sich auch die Recherche der Journalisten verändert. Die Frage nach dem Stellenwert des Journalisten im Internetzeitalter wird in einer Studie “Journalismus 2.0″ aus dem Jahr 2009 nüchtern gestellt und trocken beantwortet.

Wer sind die neuen Journalisten im Internetzeitalter? Wie denken sie, wie handeln sie? Kann man Inhalten aus dem Internet vertrauen? Wie recherchiert der Journalist im Internetzeitalter? Bernd Wollmann und Petra Engl-Wurzer haben sich im Rahmen ihrer Studie “Journalismus 2.0 – So denken die Journalisten im Internetzeitalter” mit diesen Fragen auseinandergesetzt.
Vor dem Hintergrund klassischer kommunikationswissenschaftlicher Ansätze und Forschung, wie dem Gatekeeper-Ansatz, der Agenda-Setting-Ansatz oder dem Stimulus-Response-Modell, beleuchtet die empirische Studie die Zusammenhänge von Journalisten und Internet.

Die ersten Kapitel der Publikation beschäftigt sich mit dem theoretischen Hintergrund der Forschung, wie Mediale Wirkungsforschung (z.B. Agenda Setting-Ansatz), Glaubwürdigkeitsforschung und Theorie zur Nachrichtenauswahl, (z.B. Nachrichtenwerttheorie und Gatekeeperforschung). Ansprechend wird es erst im fünften Kapitel, wenn es um Online-Journalismus geht. Diese handelt von RSS feeds, E-Papers heimischer Zeitungen (wie etwa Die Kleine Zeitung), der Zukunft des Online-Journalismus und der Online Recherche.

Ergebnisse

Die Studie wurde mittels einer Expertendiskussion und einem Onlinefragebogen durchgeführt. Wollmann und Engl-Wurzer fanden u.a. heraus, dass das Internet inzwischen als Hauptrecherchequelle dient und klassische Recherchetools wie Datenbanken abgelöst hat. Journalisten zeigen kaum Vorbehalte gegenüber den Online-Informationen. Meist überprüfen sie ihre Informationen lediglich mittels Gegencheck aus einer zweiten Quelle (S. 124). Jene Journalisten, die Informationen aus dem Internet als unglaubwürdig einstufen, halten das Internet dennoch als geeignetes Recherchemedium.

Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass es keinen Agenda Setter mehr gibt, sondern Contents (=Medieninhalte) sich im Internet den direktesten Weg von der Quelle zum Konsumenten suchen. Damit fällt auch der Gatekeeper weg. Im Internetzeitalter hat Content eine Eigendynamik entwickelt, die häufig nicht mehr beeinflusst werden kann. Die Veränderungen des Internets werden nicht vom Journalisten, sondern von den Usern selbst gelenkt.

Falscher Titel und theoretischer Einheitsbrei

Ärgerlich an  der publizierten Studie ist der irreführende Titel. Das Buch behandelt keineswegs das Phänomen Web 2.0 sondern das Verhältnis zwischen Journalismus und Internet. Der Begriff Web 2.0 kommt in der gesamten Studie kein einziges Mal vor. Auch dass der Onlinefragebogen im Jahr 2002 verschickt wurde, zeigt, dass diese Untersuchung nichts mit dieser Thematik zu tun haben kann. Es ist anzunehmen, dass dieser Titel gewählt wurde, um die Aufmerksamkeit des modernen Lesers zu erlangen, da der Terminus Web 2.0 eine Zeit lang als „Eyecatcher“ populär war.

Die Studie mag für manchen Kommunikationswissenschafter von Interesse sein, der Laie allerdings kann (ohne Vorstudium) mit den darin vorkommenden Begriffen nur wenig anfangen. Wissenschaftliches Schreiben bedeutet nicht das trockene Zusammenfügen von Theorie und Praxis, sondern einen geistreichen und ansprechenden Text, aus theoretischen und praktischen Teilen, zu verfassen. In dem besprochenen Werk aber liest sich der Theorieteil als Einheitsbrei wiedergekäuter kommunikationswissenschaftlicher Theorien, die ohne Kreativität verknüpft wurden. Der Ergebnisteil wird trocken wiedergegeben und liefert nicht einmal interessante Ergebnisse.

Dr. Petra Engl-Wurzer studierte Publizistik, Kommunikation sowie Germanistik und ist PR Director Austria bei Starwood Hotels. Dr. Bernd Wollmann studierte Psychologie, Publizistik sowie Politikwissenschaften und leitet die Abteilung Marketing New Media bei Casinos Austria. Beide Autoren promovierten an der Universität Wien mit Auszeichnung.

Journalismus 2.0 – So denken die Journalisten im Internetzeitalter. Eine Definition journalistischer Typologien auf Basis des Rollenwandels der Journalisten im Internetzeitalter. Taschenbuch. VDM Verlag Dr. Müller Saarbrücken, 2009, 320 Seiten, 79,00 Euro.

Foto: Ausschnitt des Buchcovers

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