Überwiegend ernst und unironisch gab sich Curt Cuisine, Herausgeber der Satirezeitschrift HYDRA, im Interview mit dem Medienjournal. Die Hydra, eines der wenigen Satire-Printprodukte Österreichs, wurde vor drei Jahren gegründet und erscheint regulär mit einer Auflage von 1.000 Stück.Geld bezeichnet Cuisine als größten Spaßkiller der Gesellschaft, demnach ist auch Produktion und Rezeption von Medien in Österreich viel zu ernst. Ein Gespräch über das „blanke Nichts“, Verschwörungstheorien, das Selbstverständnis der Medien und unser aller Ernsthaftigkeit im Umgang damit.
Medienjournal: Die Hydra gibt es seit 2007. Mit welcher Intention ist sie gegründet worden?
Cuisine: Wir wollten damals das erste Satiremagazin Österreichs machen, haben aber bald entdeckt, dass es einen großen Unterschied macht, Satire zu produzieren – einfach so – oder ein Printmedium herauszugeben. Das eine kann man immer machen, etwa online. Ein Printprodukt hingegen ist ein wahnsinnig aufwendiges Unterfangen – und leider völlig unsatirisch und unironisch. Man muss sich um die Finanzierung kümmern, Anzeigenkunden finden und steht immer unter Druck. Lauter unlustige Dinge…
Medienjournal: Ihr seid ein Satiremagazin für Populärkultur & Kontraproduktion. In einem eurer Artikel heißt es, ihr wollt „ausführlicher über das blanke Nichts berichten“. Was wollt ihr in die Öffentlichkeit transportieren? Und was ist eigentlich Satire?
Cuisine: Satire ist laut Duden die verächtliche Zurschaustellung menschlicher Schwächen. Das war uns aber immer zu wenig, darum auch die „Kontraproduktion“. Wir wollen eine andere Art von Medium produzieren, ein Medium, das sich selbst nicht ernst nimmt, in dem wir zum Beispiel „über das blanke Nichts berichten“ und damit das Selbstverständnis von Medien generell auf die Schaufel nehmen. Die Dringlichkeit von Schlagzeilen, die künstliche Betroffenheit bei Skandalen, der Fetisch der Exklusivität – das ist doch alles hinterfragenswert.
Medienjournal: Du hast vorhin gesagt, bei einem Printprodukt hat man ständig den Druck, erfolgreich zu sein. Hat man den nicht ohnehin?
Cuisine: Das kommt immer darauf an, was man erreichen will. Anfangs dachten wir, dass es reicht, ein Satiremagazin herauszugeben, und dass sich die Leser praktisch von selbst finden werden. Wir haben dreimal versucht, die Hydra über den Zeitschriftenhandel zu verkaufen, aber weil das Werbebudget fehlte, hat das nicht geklappt. Ausgabe No. 5 wurde per Straßenverkauf unter die Leute gebracht, aber das hat leider seitens des Vertriebs nicht funktioniert, obwohl das Produkt an sich gut angekommen ist. Wir haben also schon reichlich Misserfolge eingefahren und daraus gelernt. Mit anderen Worten: Wir sehen das Thema „Erfolg“ heute entspannter.
Medienjournal: Wie sieht es mit Konkurrenz aus? Die Hydra ist ja eines von wenigen Satiremedien Österreichs.
Cuisine: Es gibt in Printform etwa den „Bagger“, mit dem wir auch immer wieder kooperieren, aber der „Bagger“ geht es doch ein wenig ernster und textlastiger an als wir. Und es gibt seit einem guten Halbjahr den „Rappelkopf“, offenbar mit einem bedeutend größeren Budget ausgestattet als wir. Da sind wir durchaus gespannt, wie sich das entwickelt. Wir freuen uns aber, dass es nun ein Medium gibt, das kreativen Cartoonisten ein Honorar zahlen kann, etwas, was wir leider nicht können. Daneben gibt es eine Reihe von Online-Anbietern, wie etwa raketa.at, zu denen wir ebenfalls gute Kontakte haben.
Medienjournal: Braucht es mehr Satire in Österreich?
Cuisine: Mehr Satire im oben genannten Sinne (Anm.: verächtlich machen) braucht es nicht. Es braucht allerdings mehr Ironie im Umgang mit Medien und mit dem Zustandekommen öffentlicher Meinung. Ironie ist zwar einerseits längst Teil des öffentlichen Diskurses – kaum ein Leitartikel, kaum eine Debatte, in der nicht auch ironische Stimmen auftauchen – andererseits suhlt sich diese Ironie oft in den für Österreich so typischen Eitelkeiten und Selbstgefälligkeiten. Und genau das macht das publizistische Gefüge am Ende wieder so tierisch ernst. Um es ein wenig verschwörungstheoretisch zu formulieren: Journalisten werden dafür bezahlt, eine Meinung zu haben und zu publizieren. Medien stehen wiederum in Abhängigkeit von Inseratkunden. Die großen Inseratkunden sind die großen Wirtschaftstreibenden, die wiederum mit der Politik unter einer kuscheligen Decke stecken. Das kann man ernsthaft kritisieren oder aber ganz einfach mit Unfug beantworten. Klarerweise ist das unser Zugang. Entspannter Unfug als unaufdringlicher Gegenentwurf.
Medienjournal: Was ist Populärkultur?
Cuisine:Populärkultur ist praktisch alles. Alles, was Teil des Mainstreams wird, also auch Mainstream-tauglich ist. So gesehen, sind wir kein Teil der Populärkultur, weil wir noch lange nicht im Mainstream angekommen sind, es vielleicht nie werden. Oh, verflucht, wir müssen unseren Untertitel ändern! Nein, tatsächlich steht „Populärkultur“ einfach nur für eine Narrenfreiheit, die wir uns herausnehmen, nämlich jedes Thema zu unserem Thema machen zu dürfen. Sprich, wie wir es schon gemacht haben, die Persiflage einer Lifestylezeitschrift oder eine nicht jugendfreie Kinderzeitschrift zu produzieren.
Medienjournal: Das Ziel ist schon, das Leben generell ein bisschen lockerer zu sehen?
Cuisine: Es ist jedem selbst überlassen, was sie/er von der Hydra mitnimmt. Natürlich geht es auch darum, zu sagen: „Hey, ist ja alles nicht so schlimm!“ In diesem Sinne sind wir eine „Spaßzeitschrift“, wie Martin Blumenau uns genannt hat. Aber es steckt auch ein wenig Gesellschaftskritik dahinter. Nur kommt die eben oft eher unvermutet. Unsere Ausgabe No. 4 war etwa eines der hässlichsten Magazine, das Österreich je gesehen hat. Wir lieben sie übrigens heiß! Aber diese Ausgabe ist zugleich eine Herausforderung an jeden Leserin: Was für Erwartung habe ich an Medien, welche ästhetischen Vorstellungen verknüpfe ich damit? Stehe ich nicht insgeheim doch auf die schöne Welt der Hochglanzmagazine, obwohl ich doch sooo konsumkritisch bin?
Medienjournal: Ihr habt ja sehr kreative Ansätze. Woher nehmt ihr eure Ideen?
Cuisine: Die Ideen kommen aus dem Team. Es gibt eine endlose Liste von Wunschausgaben, die in Planung sind. Von der Architekturzeitschrift über eine Wandzeitung im Stil des 19. Jahrhunderts bis hin zur Klopapierrollenausgabe. Wir haben ja die klassische Erwartungshaltung an Magazine, Stichwort: Wiedererkennungswert, schon mit den letzten Ausgaben verlassen und die nächste Ausgabe der Hydra wird gar in Buchform erscheinen.
Medienjournal: Wie finanziert sich die Hydra?
Cuisine:: Wir finanzieren uns hauptsächlich durch Inserate und seit einiger Zeit über Partys, die für uns übrigens ebenfalls Teil unseres satirischen Portfolios sind. Das nächste Hydra-Fest steigt am 17. April 2010 im Roten Bogen (Lerchenfelder Gürtel 36) und wird unter anderem den „1. Vienna Kitty Marathon“ präsentieren. Auch der legendäre Bier-Würfel wird wieder zum Einsatz kommen. Schön wäre es natürlich auch, einen Sponsor zu haben, aber das erwähne ich nur in der irrigen Hoffnung, dass sich unter den Lesern und Leserinnen ein sagenhaft reicher Mensch befindet, der immer schon sein Geld für ein Satireprojekt aus dem Fenster werfen wollte.
Medienjournal: Dafür drücken wir euch natürlich die Daumen. Was habt ihr für die Zukunft geplant?
Cuisine:: Wir werden weiter entspannten Unfug betreiben. Etwa über unsere Homepage, die in Kürze auch ein kleines Online-Casino anbieten wird, über unsere nächste Ausgabe, die wie gesagt in Buchform erscheint, über kleine Persiflageprojekte, über öffentliche Aktionen und nicht zuletzt auch über unsere neu gegründete Fußballmannschaft, den VLÜ Hydra, der bald sein erstes Match unter anderem gegen Falter und APA bestreiten wird. Wir versuchen also vor allem das zu machen, was uns Spaß macht, unabhängig von klassischen Medienkonventionen. Die einzige Konvention, der wir uns beugen müssen, ist, dass man für all das Geld braucht. So gesehen ist Geld der größte Spaßkiller in unserer Gesellschaft – natürlich vor allem auf Seiten jener, die keines haben. Und ich fürchte, das gilt für die meisten freien Medien. Und darum ist eine Interessensvertretung wie der Medienverband sehr wichtig. Auch für uns.
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